- Zwei Übernahmen, zwei Ausgänge: Cloudflare/Astro (Januar 2026) und Netlify/Gatsby (Februar 2023). Astro veröffentlichte zuletzt am 8. September 2026, Gatsby am 10. Februar 2026.
- Der Unterschied ist messbar: Von Astros letzten 100 Commits sind 67 von Menschen, aus 19 Tagen. Bei Gatsby sind 85 von 100 Bot-Commits, die restlichen 15 verteilen sich über siebeneinhalb Monate.
- Die Übernahme allein sagt nichts: Svelte und Nuxt gehören Vercel, Meteor gehört Tiny — alle drei haben in den letzten sechs Wochen veröffentlicht. Ember wurde nie übernommen und ist genauso aktiv.
- Die verlässlichste Prüffrage ist nicht „wer hat gekauft", sondern: Wie viele unabhängige Hände arbeiten in welchem Tempo am Projekt? Das ist die einzige Kennzahl, die ein Entscheider in zehn Minuten selbst nachzählen kann.
Wer eine Website, ein Portal oder ein KI-System betreibt, baut auf Software, die andere pflegen. Das ist kein Makel, sondern der Grund, warum moderne Projekte in Wochen statt Jahren fertig werden. Der Preis dafür ist eine Abhängigkeit, die man selten prüft: Wenn der Unterbau stehen bleibt, steht irgendwann auch das eigene System. Und die Frage, woran man das früh erkennt, wird üblicherweise mit Bauchgefühl beantwortet — „die Firma wurde gekauft, das wird nichts mehr".
Die beiden Fälle, an denen sich das gerade durchrechnen lässt, sind Astro und Gatsby. Beide sind Web-Frameworks, beide waren beliebt, beide gehören heute einem Konzern. Nur läuft das eine Projekt schneller als je zuvor und das andere praktisch nicht mehr.
Was messbar ist
Alle Zahlen unten haben wir am 11. September 2026 selbst erhoben — über die GitHub-API und mit einem frischen Paket-Install in einem leeren Verzeichnis. Sie sind damit nachprüfbar und veralten planbar.
| Kennzahl | Astro (Cloudflare, 01/2026) | Gatsby (Netlify, 02/2023) |
|---|---|---|
| Letztes Release | 8. September 2026 (7.3.2) | 10. Februar 2026 (5.16.1) |
| Offene Issues | 68 | 449 |
| Menschliche Commits der letzten 100 | 67, von 20 Personen | 15, von 9 Personen |
| Zeitraum dieser 100 Commits | 19 Tage | 7,5 Monate |
| Pakete bei Frischinstall | 285 | 1.393 |
| Gemeldete Schwachstellen | 0 | 41 (18 × „high") |
Quellen: GitHub-API und npm, erhoben am 11.09.2026. Gatsby ist nicht archiviert und bekommt weiter Commits — 85 der letzten 100 stammen allerdings von Dependency-Bots.
Die wichtigste Zeile ist nicht die mit den Schwachstellen, sondern die mit dem Zeitraum. Astro braucht 19 Tage für 100 Commits, Gatsby siebeneinhalb Monate — bei zwölffach höherem Bot-Anteil. Ein Projekt, das nur noch automatische Dependency-Updates bekommt, ist nicht tot. Es ist im Wartungsmodus, und zwar in einem, den niemand angekündigt hat.
Der Unterschied ist nicht die Übernahme
Der naheliegende Schluss wäre: Konzern kauft Open Source, Open Source stirbt. Er ist falsch, und die Gegenprobe ist einfach. Svelte und Nuxt gehören zu Vercel. Meteor gehört seit Jahren zu Tiny. Ember wurde nie übernommen. Alle vier haben in den letzten sechs Wochen ein Release veröffentlicht: Svelte am 28. August 2026, Nuxt am 5. August, Meteor am 8. September, Ember am 10. August. Kein Muster.
Was Gatsby von diesen Fällen unterscheidet, ist die Rolle des Projekts im Deal. Netlify kaufte ein Unternehmen, dessen kommerzielles Produkt eine Hosting-Plattform war — das Framework war der Trichter dorthin. Nach der Übernahme brauchte der Käufer den Trichter nicht mehr, weil er die Plattform selbst betrieb. Bei Cloudflare und Astro ist die Lage umgekehrt: Cloudflare verkauft Infrastruktur und braucht ein Framework, das auf dieser Infrastruktur hervorragend läuft. Das Projekt ist hier der Zweck, nicht das Nebenprodukt.
Diesen Unterschied kann man nicht nur vermuten, sondern nachlesen. Cloudflare hat im Beitrag vom 16. Januar 2026 vier Dinge schriftlich zugesagt: „Astro stays open-source and MIT-licensed", „Astro's open governance and current roadmap remain in place", „Astro continues to support a wide set of deployment targets, not just Cloudflare" und „All full-time employees of The Astro Technology Company are now employees of Cloudflare, and will continue to work on Astro full-time". Das sind prüfbare Zusagen, keine Absichtserklärungen — und die Zahlen aus der Tabelle deuten darauf hin, dass sie bisher eingehalten werden.
So weit die naheliegende Erklärung — und hier ist der Punkt, an dem man sie ehrlich begrenzen muss. Sie ist eine Heuristik, kein Gesetz. Svelte hat gar keine formale Governance-Struktur, nur einen Blogsatz des Eigentümers, und ist trotzdem der gesündeste Fall im Feld. Meteor war das Kaufobjekt und hat bezahlte Vollzeitkräfte, ist aber schmaler aufgestellt als Ember — das keinen Käufer, kein kommerzielles Produkt und ein Spendenbudget im dreistelligen Bereich pro Monat hat und trotzdem im Sechs-Wochen-Takt veröffentlicht. Wer die Frage nach dem Kaufobjekt für die ganze Antwort hält, liegt in drei von fünf Fällen daneben.
Der Test, den du selbst machen kannst
Es gibt eine Kennzahl, die über alle sechs Projekte hinweg mit dem Zustand läuft — und sie hat nichts mit Eigentümern zu tun: wie viele verschiedene Menschen in welchem Zeitraum am Projekt arbeiten. Dieselbe Messung wie oben, auf die Vergleichsprojekte angewendet:
| Projekt | Menschliche Commits der letzten 100 | Von wie vielen Personen | Zeitraum dieser 100 Commits |
|---|---|---|---|
| Svelte | 89 | 43 | 24 Tage |
| Astro | 67 | 20 | 19 Tage |
| Nuxt | 85 | 10 | 11 Tage |
| Meteor | 100 | 9 | 28 Tage |
| Ember | 99 | 8 | 42 Tage |
| Gatsby | 15 | 9 | 7,5 Monate |
Erhoben am 11.09.2026 über die GitHub-API. Bot-Commits (Dependabot, Renovate, Projekt-Bots) sind herausgerechnet — bei Gatsby sind das 85 der letzten 100.
Fünf der sechs Projekte liefern ihre letzten 100 Commits in 11 bis 42 Tagen, bei 8 bis 43 beteiligten Personen. Gatsby braucht dafür siebeneinhalb Monate. Das ist der Ausreißer — und er ist unabhängig davon sichtbar, wem das Projekt gehört, wer es finanziert und was in der Ankündigung stand. Zwei Abfragen auf GitHub, zehn Minuten, kein Berater nötig.
Die Fragen, die du stellen solltest
Für jedes Fundament, auf dem ein wichtiger Prozess läuft — Framework, CMS, ERP-Modul, KI-Anbieter. Die erste ist die belastbarste, weil sie sich messen lässt statt interpretieren:
- Wie breit ist die Basis? Wie viele verschiedene Menschen haben in den letzten Wochen am Projekt gearbeitet, und wie lang ist der Zeitraum der letzten hundert Änderungen? Diese Frage beantwortet sich mit zwei GitHub-Abfragen — und sie hat in unserem Vergleich als einzige zuverlässig zwischen gesund und stehengeblieben unterschieden.
- Ist das Projekt das Produkt? Wenn der Eigentümer sein Geld mit etwas anderem verdient und das Projekt nur der Vertriebsweg dorthin war, ist es beim nächsten Strategiewechsel als erstes dran.
- Wer bezahlt die Vollzeitstellen? Ein Projekt, das von Freiwilligen in der Freizeit getragen wird, kann jahrelang gut laufen — aber es hat keinen Puffer, wenn zwei Leute aufhören.
- Steht die Governance schriftlich? „Wir bleiben offen" in einem Blogpost ist schwächer als eine Lizenz und ein dokumentierter Entscheidungsprozess, aber stärker als gar nichts. Prüfe, was zugesagt ist und was nur gesagt wurde.
- Wie lang ist das Supportfenster? Nicht „gibt es Updates", sondern: für wie viele Versionen zurück, und wie lange. Bei Astro sind es Sicherheitsupdates für genau eine vorherige Major — bei einem Major-Takt von zuletzt 104 Tagen heißt das wenig Zeit.
- Wie sieht der Ausstieg aus? Nicht ob du wechseln willst, sondern was es kostet. Wenn die Antwort „Neubau" lautet, ist das keine Abhängigkeit mehr, sondern eine Bindung.
Was der Wechsel real kostet — unser eigener Fall
Wir reden hier nicht theoretisch. Diese Website läuft selbst auf Astro, und wir sind vergangene Woche von Version 5 auf Version 7 gesprungen — zwei Majors auf einmal, 165 Seiten in drei Sprachen. Aufwand: rund ein halber Arbeitstag, davon der größere Teil Qualitätssicherung. Der Grund für den Sprung war nicht ein Feature, sondern dass Astro 5 und 6 keine Pflege mehr bekommen: Der 6er-Zweig hat seit dem 17. Juni 2026 keinen Release mehr gesehen.
Dabei ist uns etwas aufgefallen, das kein Changelog erwähnt. Astro 7 bringt eine neue Bundler-Generation mit, die CSS anders minifiziert und dabei das angenommene Mindest-Browser-Ziel anhebt. Ergebnis im Build: 1.713 Media Queries in einer Schreibweise, die Safari und iOS unter Version 16.4 komplett ignorieren — das Responsive-Layout wäre auf älteren iPhones ausgefallen, ohne Fehlermeldung. Eine Konfigurationszeile stellt das zurück. Gefunden haben wir es nur, weil wir den alten und den neuen Build Zeile für Zeile verglichen haben, statt auf „Build erfolgreich" zu vertrauen.
Das ist die eigentliche Lehre für Entscheider: Ein Major-Upgrade ist selten teuer, wenn man es rechtzeitig macht. Teuer wird es, wenn man drei Majors überspringt und dann unter Zeitdruck springen muss — oder wenn niemand den Build kontrolliert und der Schaden erst über Support-Tickets zurückkommt.
Dasselbe Muster bei KI-Anbietern
Die fünf Fragen sind nicht auf Frameworks beschränkt. Bei KI-Anbietern sind sie dringlicher, weil der Ausstieg schwerer ist: Ein Framework kannst du einfrieren und jahrelang weiterbetreiben, ein abgeschaltetes Modell nicht. Wie schnell aus einem Partner ein Wettbewerber wird, haben wir am Fall Figma/Anthropic beschrieben — nachzulesen unter Plattformrisiko und die Figma-Lektion. Und wann sich Eigenbetrieb gegenüber Einkauf rechnet, steht im Build-vs-Buy-Leitfaden.
Der gemeinsame Nenner: Abhängigkeit ist unvermeidbar, Bindung nicht. Wer beim Bauen darauf achtet, dass der Code ihm gehört und die austauschbaren Teile austauschbar bleiben, kann einen Anbieterwechsel als Projekt behandeln statt als Krise. Mehr dazu unter Souveräne KI für den Mittelstand.
Quellen und Methode
Alle Kennzahlen zu Astro und Gatsby wurden am 11. September 2026 über die öffentliche GitHub-API erhoben (offene Issues, Releases, die letzten 100 Commits samt Autoren und Datum) sowie über einen frischen npm install des jeweiligen Pakets in einem leeren Verzeichnis, ausgewertet mit npm audit. Bot-Commits wurden über den Autorennamen erkannt (Dependabot, Renovate, Projekt-Bots). Die Release-Daten der Vergleichsprojekte und die Commit-Auswertung für Svelte, Nuxt, Meteor und Ember stammen aus derselben API-Abfrage, mit identischer Bot-Erkennung. Die Zitate zu den Zusagen von Cloudflare stammen aus dem Astro-Blogbeitrag vom 16. Januar 2026. Die Angaben zur Versionspflege von Astro 5, 6 und 7 stammen aus der npm-Registry und der Astro-Dokumentation. Der Bericht über unser eigenes Upgrade beruht auf dem Vergleich beider Builds über alle 165 Seiten. Einordnungen und Empfehlungen sind die Sicht von Digital Maker und keine Rechtsberatung.
Häufige Fragen: Software-Fundamente prüfen
Ist eine Übernahme ein Warnsignal für ein Open-Source-Projekt?
Nicht per se. Die Gegenprobe über vier übernommene und nicht übernommene Projekte zeigt kein Muster: Svelte (Vercel) hat am 28. August 2026 veröffentlicht, Nuxt (Vercel) am 5. August, Meteor (Tiny) am 8. September, und Ember, nie übernommen, am 10. August. Alle vier sind aktiv. Gatsby, von Netlify übernommen, ist die Ausnahme. Dass das Framework für Netlify nicht das Kaufobjekt war, erklärt einen Teil davon — aber nicht alles: Meteor war das Kaufobjekt und ist trotzdem schmaler aufgestellt als Ember, das nie übernommen wurde. Verlässlicher als die Frage nach dem Eigentümer ist die messbare: wie viele verschiedene Menschen in welchem Zeitraum am Projekt arbeiten.
Woran erkenne ich, ob ein Framework noch gepflegt wird?
Nicht an Sternen auf GitHub und nicht am Datum des letzten Commits — Dependency-Bots committen jahrelang weiter. Aussagekräftig ist das Verhältnis: Wie viele der letzten 100 Commits stammen von Menschen, von wie vielen verschiedenen, und über welchen Zeitraum verteilen sie sich? Bei Astro sind es 67 menschliche Commits von 20 Personen in 19 Tagen (23. August bis 11. September 2026). Bei Gatsby 15 menschliche Commits von 9 Personen — verteilt über siebeneinhalb Monate. Dieselbe Commit-Menge, ein Zeitfaktor von zwölf. Zum Vergleich dieselbe Messung bei vier weiteren Projekten: Svelte 89 Commits von 43 Personen in 24 Tagen, Nuxt 85 von 10 in 11 Tagen, Meteor 100 von 9 in 28 Tagen, Ember 99 von 8 in 42 Tagen. Fünf von sechs Projekten liegen zwischen 11 und 42 Tagen — Gatsby ist der einzige Ausreißer.
Was kostet es, wenn ein Fundament nicht mehr gepflegt wird?
Zuerst nichts, dann alles auf einmal. Ein Frischinstall von Gatsby 5.16.1 zieht am 11. September 2026 1.393 Pakete und 41 gemeldete Schwachstellen mit sich, davon 18 der Stufe „high". Bei Astro 7.3.2 sind es 285 Pakete und 0 Schwachstellen. Die Schwachstellen selbst sind meist harmlos für eine statische Website — das Problem ist, dass niemand sie mehr schließt und jedes Sicherheits-Audit im Einkauf darüber stolpert. Irgendwann ist der Neubau billiger als die Verteidigung des Bestands.
Wie oft muss man bei einem modernen Framework mit einem Major-Update rechnen?
Häufiger als die meisten Budgets vorsehen. Astro 6 erschien am 10. März 2026, Astro 7 am 22. Juni 2026 — die Major-Version war 104 Tage aktuell. Sicherheitsupdates gibt es laut Astros eigener Policy nur für eine vorherige Major; der 6er-Zweig hat seit dem 17. Juni 2026 keinen Release mehr gesehen. Wer eine Website drei Jahre betreibt, sollte also ein bis zwei Major-Upgrades einplanen, nicht null. Bei uns hat der Sprung von Astro 5 auf 7 über 165 Seiten rund einen halben Arbeitstag gekostet.
Gilt dasselbe Prüfmuster für KI-Anbieter?
Ja, und dort ist der Einsatz höher. Die Fragen sind identisch: Ist das Modell das Produkt des Anbieters oder ein Nebenschauplatz? Wer bezahlt die Leute, die daran arbeiten? Wie lange ist der zugesagte Supportzeitraum? Und lässt sich der Anbieter tauschen, ohne dass man neu baut? Der Unterschied: Ein Framework kannst du einfrieren und weiterbetreiben, ein abgeschaltetes Modell nicht. Deshalb gehört bei KI-Systemen eine Abstraktionsschicht in die Architektur — nicht in die Wunschliste.
Weißt du, worauf deine Systeme laufen?
Im Discovery Call gehen wir die fünf Fragen für deine Systeme durch: was gepflegt wird, wo ein Supportfenster ausläuft, welcher Wechsel wie teuer wäre. Dreißig Minuten, konkrete Antworten, keine Folien.